herbie
Lebende Foren Legende


Dabei seit: 09.01.2005
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Herkunft: lambach city
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Ein Selbstporträt des 5-fachen Hawaii Teilnehmers und Paraolympioniken...
Von 1986 bis 1999 war ich ein begeisterter und auf nationaler Ebene erfolgreicher Triathlet.
5x habe ich beim bekannten Ironman Triathlon auf Hawaii teilgenommen.
Am 30.7.1999 wurde ich beim Radtraining niedergefahren.
Die Folge: Querschnittlähmung, Gebundenheit an den Rollstuhl.
Ein Bericht über meinen Weg zurück - In den Alltag, in den Beruf und in den Sport.
Um halb sechs Uhr bin ich mit dem Rad von zu Hause weggefahren, es war ein schöner sonniger Morgen, erinnere ich mich zurück an diesen Freitag den 30.7.1999. Ich wollte 90 Minuten locker trainieren, so wie auf selber Strecke schon unzählige Male vorher auch. Auf der B16 zwischen Münchendorf und Ebreichsdorf, auf schnurgerader und kaum befahrener Straße, kam es dann zu dem folgeschweren Zusammenstoß, dessen Hergang bisher ungeklärt ist. Es wurden im Zuge der Ermittlungen durch die Kriminaltechnik grüne Lackspuren am Vorderrad und am schwer beschädigten Helm gefunden, der genaue Unfallhergang konnte aber nie rekonstruiert werden. Fest steht, dass es zu einer Kollision mit einem bis heute unbekannten Kraftfahrzeug kam, bei dem ich lebensgefährlich verletzt wurde.
Ich habe keine Erinnerung daran was oder wie alles tatsächlich passiert ist.
Als ich nach dem Aufprall wach wurde, lag ich am Rücken im Strassengraben, konnte weder den Kopf aufrichten, noch mich aufsetzten oder gar aufstehen; ich merkte sofort, dass ich an der Wirbelsäule verletzt sein musste, da ich die Beinen nicht fühlen konnte; irgendwie gelang es mir mittels Handy Hilfe zu holen, die auch meiner Empfindung nach relativ rasch kam, zuerst per Rettung und dann per Hubschrauber. Ich erinnere mich noch, als mich der Sanitäter fragte, ob ich hier oder da was empfinde, ich bemerkte aber nicht, wo er mich berührte. Ich hörte auch noch den lauten Motor des Hubschraubers.
Was dann kam, kenne ich nur aus Erzählungen bzw. aus der umfassenden Krankengeschichte des LBK:
Noch an Ort und Stelle erfolgte die Intubierung und mit dem ÖAMTC- Notarzthubschrauber wurde ich in das Hanusch - Spital geflogen und dort weiter versorgt. Da dort zu diesem Zeitpunkt keine MR der Wirbelsäule eines beatmeten Patienten durchgeführt werden konnte, wurde ich mit dem Rettungshubschrauber Martin 3 des BM.I in das Lorenz - Böhler - Unfallkrankenhaus gebracht.
Es wurden folgende Verletzungen diagnostiziert:
Gehirnerschütterung
Serienrippenfrakturen beidseits mit Lungenprellung und Blutansammlung in beiden Brusthöhlen
Riss im Bereich der Hauptschlagader im Brustkorbbereich
Brüche im Bereich des 7.Halswirbels, des 1., 6.-8.Brustwirbels, Brüche der Dornfortsätze des 5.u.6.Halswirbels
Bruch des linken Schlüsselbeines
Querschnittlähmung
Wegen des Aortenaneurysmas (Riss der Hauptschlagader) bestand akute Lebensgefahr; in einer noch am frühen Nachmittag durchgeführten, schwierigen und zeitaufwendigen OP wurde mir unter der Leitung von Hr. Prof. Hagmüller eine Gefäßprothese aus Kunststoff eingesetzt. Dies bedeutete den ersten Schritt zurück ins Leben.
Die nächsten 8 Wochen verbrachte ich auf der Intensivstation des LBK.
Mein Gesundheitszustand ließ es nicht zu, dass die gebrochenen Wirbeln noch zusätzlich operativ versorgt werden konnten; so musste ich die nächsten 15 Wochen ruhig liegend verbringen, um die Heilung der Knochen sicherzustellen.
Die Ärzte sagten mir, dass mein sehr guter Fitnesszustand zum Zeitpunkt des Unfalls wesentlich dazu beigetragen hat, all diese Verletzungen und Komplikationen zu überleben.
Am 22.9.2005 wurde ich in das Rehabilitationszentrum Weißer Hof transferiert.
Auch hier musste ich noch die ersten 7 Wochen hauptsächlich liegend verbringen; Mitte November begann dann langsam die Mobilisierung und das Kreislauftraining mittels Stehbett.
Ende November 99 saß ich zum 1.Mal im Rollstuhl, und musste dabei aber noch ein vom Bauch bis zum Hals reichendes Kunststoffkorsett tragen.
Von nun an folgten tägliche Einheiten bestehend aus Physiotherapie, Krafttraining an Geräten, Transferübungen und Rollstuhltraining. Meine von früher an tägliches Training gewöhnte Muskulatur, baute sich relativ rasch wieder auf, obwohl ich in den letzten Monaten fast 20kg an Muskelmasse verloren hatte.
Ziel war es, mich auf die möglichst selbstständige Bewältigung des Alltags im Rollstuhl vorzubereiten.
Anfang Dezember durfte ich dann zum 1.Mal seit meinem Unfall für ein Wochenende wieder in unsere Wohnung nach Hause, ein für mich damals anstrengendes aber auch sehr erfreuliches Ereignis. Meine Frau hatte mit Hilfe der BVA eine Treppenraupe organisiert, mit der Sie mich im Rollstuhl sitzend in den 2.Stock fahren konnte.
Unbedingt erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang, dass mich meine Frau, meine gesamte Familie, viele Freunde und Kollegen während dieser schwierigen Zeit immer besucht und motiviert haben und mir auch noch heute zur Seite stehen; ohne diese massive Unterstützung hätte ich das alles nicht so verkraften können.
Am 1.März 2000 wurde ich dann aus dem Rehabilitationszentrum entlassen.
Das Ausdauer- und Krafttraining habe ich nun nach und nach sowohl in Länge als auch Intensität gesteigert, sowohl am Kurbelergometer als auch im Alltagsrollstuhl; ich unternahm lange Ausfahrten am nahen Radweg und in der Prater Hauptallee; mehrmals pro Woche stand außerdem ambulante Physiotherapie im Rehabilitationszentrum Liesing am Programm.
Am 17.7.2000 konnte ich meinen Dienst im BM.I wieder antreten, wo ich bis dato in der Wirtschaftsabteilung beschäftigt bin.
Am 15.8.2000 begann ich mit einem selbst zusammengebauten Rollstuhl mit Handkurbelantrieb, auch Handbike genannt, auf der 400m-Laufbahn des BSFZ -Südstadt mit regelmäßigem Training.
Mitte September fuhr ich dann damit mein erstes Rennen in Wien und war froh die 21km durchzuhalten.
2001 waren wir dann in erster Linie mit dem Bau unseres neuen, rollstuhlgerechten Einfamilienhauses beschäftigt; ich konnte nebenbei auch einige Rennen in Österreich bestreiten und regelmäßig trainieren.
2002 startete ich dann erstmals bei internationalen Rennen in Frankreich, Schweiz, Deutschland und Holland; bei der WM in Altenstadt/Deutschland war ich mit zwei 5.Plätzen durchaus zufrieden.
2003 konnte ich erstmals die ÖMS im Einzelzeitfahren gewinnen, bei der EM in Teplice/CZ belegte ich Platz 6 und 7.
2004 ging nach harter Qualifikation und vielen Trainingskilometern ein Traum in Erfüllung: Ich wurde in das Österreichische Team für die Paralympics in Athen nominiert; nach nur wenigen Jahren im Rollstuhl war das für mich persönlich ein großer Erfolg.
Die Spiele in Athen waren ein einmaliges, beeindruckendes Erlebnis, an das ich immer gerne zurückdenken werde; ich habe viele Eindrücke gesammelt, Freundschaften geschlossen, die Stimmung im Österreichischen Team war hervorragend - es war eine schöne Zeit.
Sportler verschiedenster Nationalitäten, die trotz oft sehr schwerer Behinderung das alltägliche Leben meistern und Freude an der Sportausübung haben, zeigten, dass der Leistungssport ein wichtiges Verbindungselement zwischen Nichtbehinderten und gehandicapten Menschen darstellt, ganz im Sinne der Paralympics.
Besonders beeindruckend fand ich die feierliche Eröffnungszeremonie, wo wir mit 135 weiteren Nationen unter dem Jubel von über 50.000 Zusehern in das Olympiastadion einzogen.
Ich konnte mit dem 4.Platz im Einzelzeitfahren und dem 5.Platz im Straßenrennen beweisen, dass ich in meiner Behinderungsklasse (HCA) zu den besten Handbikern der Welt gehöre.
Motiviert von diesen Erlebnissen erreichte ich Anfang Oktober bei einem Rennen in Lausanne den 3.Platz und beim EHC- Finale in Wien am 10.10.2004 auf der Ringstraße konnte ich den 2.Rang einfahren.
2005 war für mich ein sehr erfolgreiches Jahr:
16 Rennen standen auf dem Wettkampfkalender; ich konnte heuer erstmals ein Rennen des Europäischen Handbike Circuits (EHC) gewinnen, nämlich den traditionellen Heidelberg Rollstuhlmarathon, wo alle Medaillengewinner von Athen am Start waren; die Siege in Woensdrecht/NL und München brachten mir auch den 1.Platz beim IPC-Europacup 2005 ein.
Ich wurde im Juli zum 2.Mal nach 2003 ÖM im Einzelzeitfahren.
Bei der EM in Alkmaar/NL im August, belegte ich mit nur geringen Zeitabständen zu den Medaillenrängen 2x den 4.Platz.
Beim EHC-Finale in Namur am 9.10.05 erreichte ich Platz 2.
Ich bin mir sicher, durch intensives Training und verbesserte Renntaktik meine Leistungen in den nächsten Jahren noch weiter steigern zu können und freue mich schon auf die nächsten Herausforderungen.
2006 möchte ich wieder die wichtigsten Handbikebewerbe in Österreich und in Europa bestreiten, ein Saisonhöhepunkt wird sicherlich die Weltmeisterschaft in Aigle/Schweiz Mitte September.
Mein Fernziel ist, eine Medaille bei den Paralympics 2008 in Peking zu gewinnen .
Um diese Ziel zu erreichen, trainiere ich pro Jahr ca.14.000km mit dem Handbike; dies entspricht im Schnitt einer Trainingsbelastung von ca. 20 Stunden pro Woche; ergänzt wird das Programm durch regelmäßige Physiotherapie und Krafttrainingseinheiten.
Mit besten Grüßen
Wolfgang
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